Humanwissenschaft

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Beat von Scarpatetti

Constitution helvétique écologique
Helvetische ökologische Verfassung

Constitution helvétique 1798
Oekologische Verfassung 1998

Ein Entwurf

Inhalt

[GELEITWORT der Herausgeberschaft]

[VORWORT, von Adolphe Muschg]

I. Teil.
CONSTITUTION HELVETIQUE ECOLOGIQUE /
HELVETISCHE OEKOLOGISCHE VERFASSUNG

Les 14 articles des principes fondamentaux de 1798, avec leur transcription en 1998
Die 14 Artikel der Grundprinzipien von 1798, mit ihrer Umschrift 1998


II. Teil
DIE OEKOLOGISCHE VERFASSTHEIT

[Ev. Epilog]



I. Teil.

CONSTITUTION HELVETIQUE ECOLOGIQUE /
HELVETISCHE OEKOLOGISCHE VERFASSUNG

Les 14 articles des principes fondamentaux de 1798, avec leur transcription en 1998
Die 14 Artikel der Grundprinzipien von 1798, mit ihrer Umschrift 1998



I. Einführung


1. Radikaler Neubeginn mit Peter Ochs 1798

Wie in der heutigen Wendezeit, erlebte die Schweiz auch 1798, nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft, einen radikalen Wandel, denjenigen zum modernen Staat. Sein Hauptzeugnis ist das Dokument der Helvetischen Verfassung des Jahres 1798. Diese neue Staats- und Gesellschaftsordnung stellte in der Geschichte der Schweiz, nach einem feudalherrschaftlichen Ancien Régime, einen Neubeginn dar. Sie war das in wenigen Tagen niedergeschriebene Werk des Baslers Peter Ochs (1752-1821), des Staatsmanns, Literaten und Direktors der Helvetischen Republik. Der radikale Neubeginn besteht in der Abschaffung der aristokratischen Ordnung der Alten Eidgenossenschaft zugunsten eines neuen demokratischen und liberalen Einheitsstaates nach den Idealen der Französischen Revolution und der Moral der Aufklärung. Auch heute, 1998, erfordern der ökologische Zustand unseres Planeten, die Lage der Welt wie auch der Schweiz einen radikalen Neubeginn.


2. Die neue Freiheit der Wirtschaft

Das 1798 angebrochene Zeitalter des Liberalismus, das in Europa dem Einzelnen im Prinzip die Freiheit eröffnete (Frauen, Arme und weitere ausgenommen), bedeutete einen tiefen Wandel der alten Schweiz. Die führenden Bürger des teildemokratischen Staates nutzten denn auch die neuen Freiheiten vollumfänglich. Das Hauptresultat war ein grosser wirtschaftlicher Aufbruch. In der Praxis erwies sich das Prinzip der neuen Freiheit als Treibkraft des Fortschritts, der in erster Ordnung die Wirtschaft und ihre Industrialisierung betraf, aber auch in Bildung und Erziehung Wesentliches erreichte.

3. Die freie Wirtschaft als Motor der Wandlung

Im so eingeleiteten 19. Jahrhundert kam es zur ersten industriellen Revolution, welche Leben, Handwerk und Sitten, und dank der Industrie das Aussehen unserer Städte, Dörfer und Landschaften tiefgreifend wandelte. So verlieh diese Revolution einem Teil der Bevölkerung mehr Freiheit und vermochte auch viel Elend und Einschränkung zu mildern. Damit legte sie die Modernisierung unseres Landes zugrunde.


4. Die zweite industrielle Revolution und das grenzenlose Wachstum

In der zweiten technologischen Revolution des 20. Jahrhunderts kam es erneut zu einer durchgreifenden Modernisierung aller Bereiche des Lebens. Eine wahre Explosion des Wachstums führte zum grossen Rückgang naturgeprägter Verhältnisse und öffnete das kleine Land der Schweiz für die Umwälzungen in den grossen Industriestaaten. In den Bereichen Geld, Wohnen, Mobilität, Bildung, Anhäufung von Reichtümern, Luxus vervielfachten sich die Kapazitäten eines Teils der Bevölkerung. Der Konsum des Einzelnen nahm stark zu, sowohl von elementaren Ressourcen wie Trinkwasser und Energie, wie auch von synthetischen Produkten und Dienstleistungen. Der agrarische Boden wich Urbanisation, Verkehr und Industrie.

5. Die alte bescheidene Schweiz wird reich

Die Schweiz, ursprünglich ein bescheidenes Land, wurde nach 1945 innert 50 Jahren zu einem der reichsten Länder der Welt. Ein Familienvater etwa, der um 1930 noch einige Tiere, einen Acker oder Garten hielt und als Arbeiter mit dem Velo in eine Fabrik fuhr, konnte seinen Sohn nach 1960 als reichen Kaufmann sehen, Besitzer eines Hauses und eines Autos, der ins Ausland reiste, ein Leben mit Freizeit und Sport führte, über Geldreserven verfügte und seiner Familie einen Lebensstil ermöglichte, der sie altes Brot in den Abfall werfen und Leitungswasser als Getränk verschmähen liess. Noch heute werden die Früchte vieler Hochstammbäume in der Schweiz nicht mehr abgenommen. Der Reichtum beruhte neu auch auf einem Netz von Banken mit fremdem Kapital und auf multinationalen Gesellschaften. Diese allmählich globalisierten Wirtschaftskapazitäten überstiegen bei weitem die Grundbedürfnisse der sechs Millionen Bewohner. Deren Wirtschaft wurde auch nicht mehr von ihnen selbst, sondern zunehmend von Amerika, der Europäischen Union und Asien bestimmt.


6. Die Industrienationen destabilisieren die Erde

Mit dieser Gemeinschaft der wirtschaftsstarken Staaten, in welche die Schweiz vorgestossen war, verbrauchte in Wirklichkeit eine kleine Minorität der Weltbevölkerung einen grossen Teil der Ressourcen unseres Planeten, sogar an Nahrungsmitteln. Die weltweiten ungezählten Innovationen waren wohl verblüffend und verliehen exponentielle Wirkmächtigkeiten, vermochten aber letztendlich der Völkergemeinschaft keine Stabilität zu garantieren. Der Gegensatz zwischen den armen Staaten des Südens und den reichen des Nordens, an deren Spitze sich nun die Schweiz vorfand, wuchs. Die Sorge um die Umwelt, gleich derjenigen um die sozialen und kulturellen Fragen, war in der internationalen Wirtschaftswelt und an deren Börsen praktisch unbekannt, bis in die jüngere Zeit.

7. Das Erwachen des Bewusstseins

Ungefähr vom Jahr 1968 an wurde man inne, dass diese Wirtschaftsrevolution daran war, in ernsthafter Weise das globale Oekosystem, das Klima, die Ozonschicht, die Regenwälder mit ihrer Urbevölkerung zu gefährden und zu zerstören. Es ist auch klargeworden, dass damit das spirituelle und ökologische Erbe von Tausenden von Völkern entehrt und ausradiert wurde durch einen banalen Materialismus, der durch importierte Medien, ohne Bezug zur Identität der Kultur eines Erdteils oder einer Region, dominierend eindrang. In Kalifornien, in Frankreich und in Deutschland zeigten sich die erste Kritik und Anstösse zum Wertwandel, welche in der Schweiz eine erstarkende Umweltbewegung aufnahm.

8. Das Projekt Moderne ist in Frage gestellt

In den letzten Jahrzehnten mehrten sich sodann die Stimmen, nach welchen das "Projekt Moderne", wie dieses Fortschrittsmodell genannt wurde, in seiner Substanz in Frage gestellt war. Gleichzeitig suchte in der Praxis eine Mehrheit trotz wachsenden Problembewusstseins stets noch den kurzfristigen Profit und schlug die Warnungen in den Wind. Vor allem seit der Aufgabe der sozialistischen Systeme nach 1990 beherrscht ein verstärkter marktwirtschaftlicher Druck die internationalen Wirtschaftsabkommen unter dem Zeichen der Deregulierung. Weltweit sind die Armut, die soziale Schere und neue Kriege, ja auch verschwunden geglaubte Krankheiten wieder vermehrt aufgekommen.

9. Die ersten internationalen Reaktionen

Im Gefolge der ersten Proteste der jungen Intellektuellen von 1968 waren 1972 durch den Club of Rome die absoluten Grenzen des Wachstums ein erstes Mal angemahnt worden. Die Idee des absoluten Forschritts wurde endlich von einer nicht ignorierbaren Instanz der Kritik unterzogen. Die internationale Gemeinschaft reagierte mit grosser Verspätung 1992 mit der Gipfelkonferenz von Rio, welche nur dem Umweltthema galt. Sie übernahm die seither noch gewichtiger gewordene Botschaft von Rom und rief in der "Agenda 21" zum Wandel unserer Wirtschaft, unseres Konsums und unseres Lebensstils auf, mit dem neuen Prinzip der Nachhaltigkeit als Kriterium. Zur gleichen Zeit ist der Schweiz bewusst geworden, dass ihrem weltkriegsbedingten privilegierten Stand der Boden entzogen worden ist.

10. Der Neoliberalismus bedrängt Umdenken und Nachhaltigkeit

Indessen, den neuen Einsichten und Handlungsansätzen läuft ein vorläufig noch verstärkter Wirtschaftsliberalismus zuwider. Er wird zugespitzt durch globalen Warenverkehr, Automatisierung und Informatik als Instrumenten einer virulenten Globalisierung. Diese erreicht mittlerweilen die verborgensten Winkel der Erde. Ganz besonders ist das industrielle Transportwesen angeschwollen. Ein überbordendes Flugwesen bläht den Ferntourismus auf, welcher gewachsene Kulturen, lokale Ressourcen, schliesslich die Grundwerte von Ort, Zeit und Jahreszeiten durcheinanderbringt. Zur gleichen Zeit darben, auch in der Schweiz, die wertvollsten regionalen Ressourcen und Strukturen, werden die Agrargüter der eigenen Umgebung, die Ferienorte des eigenen wunderschönen Landes vernachlässigt.

11. Die Zukunft ist nicht mehr gesichert

So ist am Ende des 2. Jahrtausends klar geworden, dass die langfristige Stabilität des planetaren Oekosystems, welches sich nur in grossen Zyklen wandelt, durch kurzfristige Veränderungen unberechenbarer und für die höheren Lebewesen ungünstiger geworden ist. Damit ist die Zukunft der Weltgemeinschaft der Menschen schon auf mittlere Frist nicht mehr gesichert. Bereits auf rationaler, ja rechnerischer Ebene ist offenbar, dass sowohl absolute individuelle Handlungsfreiheit als auch schrankenloser Wirtschaftsliberalismus für das Überleben der heutigen, reich differenzierten Ökosphäre nicht mehr tragbar sein werden. Insbesondere das Konsumgebaren einer schmalen Reichtumsschicht in allen Ländern erweist sich als unhaltbar. In der Wissenschaft und in den internationalen Organisationen, auch bei einzelnen Pionieren der Industrie wird anerkannt, dass eine Wende unumgänglich ist. Klare Forschungsresultate über Schadstoffe an symbolisch gewordenen Orten wie den helvetischen Gletschern und der Antarktis, problematische Grenzüberschreitungen in der Gentechnologie, virulente aktuelle Klimaschläge wie "El niño", Dürre- und Hochwasserkatastrophen in Asien und allerorten haben den Weg von irgendwelchen Debatten zum unmittelbaren Handlungsbedarf gewiesen.


12. Die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung

Der Notwendigkeit einer Wende in Eigenverhalten, Wirtschaft und Politik stehen heute als Alternative nur noch Hedonismus, Resignation, Zynismus oder Demagogie gegenüber. Während in der Praxis die Fragen der Umsetzung vorherrschen, sind in der Theorie neue ideelle Grundlagen für unser Leben und Wirtschaften notwendig. Wir benötigen eine neue Aufklärung und eine neue ökologische Verfassung. Dafür gibt in der Schweiz das Jubiläum der Helvetischen Verfassung im Jahr 1998 den Impuls. Die Radikalität der Verfassung von 1798 setzt den Masstab für den 1998 notwendigen revolutionären Grad des Paradigmenwechsels. Der nationale Charakter unserer Verfassungen, schon damals bereits ausgeweitet durch die europäische Aufklärung, ist heute vollends durch weltweit gültige, nicht mehr eurozentrische Paradigmen der Ökologie und der sozialen Gerechtigkeit zu ersetzen. Philosophisch und religiös steht das Phänomen des Anthropozentrismus im Zentrum, welcher in den Wertordnungen des Christentums und der Aufklärung gleichermassen begründet ist. Diese historischen Paradigmen sind nicht mehr vereinbar mit den neuen Erkenntnissen über die Gesetze des planetarischen Ökosystems und mit den Überlebensnotwendigkeiten für den Menschen sowie die Artenvielfalt bei Tier und Pflanze. Eine neue Aufklärung relativiert die alte rationale und anthropozentrische, erneuert und erweitert sie. Der Mensch muss sich im Ökosytem der Erde neu positionieren, auf klugere und bescheidenere Weise als in der bisherigen Absolutheit von Theologie, Rationalität und Individualismus. Sogar die helvetische Verfassung von 1798 enthält in ihrer Substanz Elemente aus einer Kultur, die diesen Anforderungen seit der Vorzeit entsprochen hat.

13. Die kulturellen Wurzeln der Helvetischen Verfassung von 1798.

Es ist bekannt, dass die Helvetische Verfassung, die Peter Ochs nach dem Modell der französischen von 1791 und 1795 redigiert hat, im Grunde inspiriert war von der amerikanischen Verfassung von 1789, die aus der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung von 1773 hervorgegangen ist. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass ein Teil ihrer Substanz, das demokratische Prinzip, dank der Offenheit von Benjamin Franklin und Thomas Jefferson aus den Quellen der indianischen Tradition des vorkolonialen Amerikas geschöpft war. Das hat uns Chief Oren Lyons vom indianischen Stamm der Irokesen ins Bewusstsein gerufen bei seinen Besuchen in Basel und in der Schweiz. Gleicherweise hat sich die Jugend der 1968-er Bewegung einiges moralisches und ökologisches Ideengut aus der indianischen Philosophie angeeignet.


14. Der Schritt von 1798 nach 1998: eine neue ökologische Verfassung

Im ersten Kapitel der Helvetischen Verfassung, überschrieben mit "Titre premier" legt Peter Ochs in Form von 14 Artikeln die Grundprinzipien der neuen freiheitlichen Staats- und Gesellschaftsordnung und der (im Prinzip) umfassenden Demokratie dar. In den daran anschliessenden Kapiteln wird die Organisation des Staates im einzelnen festgelegt. Das vorliegende Büchlein konzentriert sich für die Umschrift der Verfassung einzig auf die 14 Grundsatz-Artikel des ersten Kapitels. Es folgt dem Aufbau des Ochs'schen Textes; einige zeitbedingte Partien sind gekürzt und dafür die Übergänge textlich adaptiert. Der alte und der neue Text werden Artikel für Artikel einander gegenübergestellt. Ausgewählte Schlüsselbegriffe des alten Textes werden im neuen wiederverwendet und oft auch neu gedeutet. Mit der Methode der Umschrift soll der Paradigmenwechsel von der Zeit von 1798 bis zu jener von 1998, der Weg von der historischen Aufklärung zu ersten Ansätzen einer neuen ökologischen Aufklärung aufgezeigt werden. Die im ausgehenden 20. Jahrhundert neu erkannten Zusammenhänge und Wertsysteme erfordern freilich noch sorgfältige Vertiefung und viel Aufklärungsarbeit. Jede Verfassung eines Staates muss heute auch eine ökologische Charta sein, die durch ihre Natur selbst über den Staat hinausweist. Sie hat sich dadurch auszuzeichnen, dass sie nicht nur für Europa und für die Industrienationen, sondern für jeden Menschen der Welt und gleicherweise für jedes lebende Wesen auf der Erde, ex aequo gültig sein kann.


II. Teil

CONSTITUTION HELVETIQUE ECOLOGIQUE /
HELVETISCHE OEKOLOGISCHE VERFASSUNG
Les 14 articles du Titre premier de 1798, avec leur transcription en 1998


[Die unterstrichenen Begriffe sind für die KorreferentInnen und fallen im Druck weg]

1. La République helvétique est une et indivisible. Il n'y a plus de frontières entre les cantons et les pays sujets, ni de canton à canton. L'unité de patrie et d'intérêt succède au faible lien des parties hétérogènes et inégales. On était faible de toute sa faiblesse individuelle; on sera fort de la force de tous.

1. Die helvetische Republik ist eine Einheit und unteilbar. Es gibt keine Grenzen mehr zwischen den Kantonen und den unterworfenen Landen, noch zwischen einem Kanton und dem andern. Die Einheit des Vaterlandes und des allgemeinen Interesses vertritt künftig das schwache Band der andersartigen und ungleich grossen Landesteile. Man war schwach in all seiner Vereinzelung; man wird stark sein durch vereinte Kraft aller.

1. La planète Terre est une et indivisible. Pour la vie et la survie de ses habitants, il n'y a plus de frontières. L'unité de la biosphère est l'unité de la patrie. Elle écarte les vieilles divisions nationales et succède aux anciennes inégalités de comportement. La faiblesse individuelle face aus interactions mondiales de l'écologie cède à la force de tous ceux qui luttent pour son intégrité.

1. Der Planet Erde ist eins und unteilbar. Für das Leben und Überleben gibt es keine Grenzen mehr. Die Einheit der Biosphäre ist die Einheit des Vaterlandes. Sie hebt die alten nationalen Trennungen und die Ungleichheiten im Verhalten auf. Die Schwachheit des Einzelnen vor der weltweit vernetzten Ökologie weicht der Stärke aller, die für deren Integrität kämpfen.

2. L'universalité des citoyens est le souverain. Aucune partie ou aucun droit de la souveraineté ne peut être détaché de l'ensemble pour devenir une propriété particulière.

2. Die Gesamtheit der Bürger ist der Souverän. Kein Teil oder kein einzelnes Recht der Souveränität kann vom Ganzen herausgenommen werden, um das Eigentum eines Einzelnen zu werden.

2. L'universalité de tous les êtres vivants est le souverain. L'homme fait part d'elle. Il n'a aucun droit de revendiquer une propriété particulière face à la nature et de se détacher de son ensemble pour une domination sans condition. Sa raison et sa sensibilité l'aideront à mieux connaître la nature et à s'y réintégrer.

2. Die Universalität aller Lebewesen bildet den Souverän. Der Mensch ist ihr zugehörig. Er hat keinen Eigentumsanspruch auf die Natur und kein Recht, sich aus ihrer Ganzheit abzusondern und eine absolute Herrschaft zu fordern. Seine Vernunft und seine Empfindsamkeit werden ihm helfen, die Natur besser zu kennen und sich in ihr wieder einzufinden.

3. La loi est l'expression de la volonté du législateur, manifestée suivant les formes constitutionelles.

3. Das Gesetz ist der Willensausdruck des Gesetzgebers, kundgegeben durch Befolgung der verfassungsbestimmten Form.

3. La loi doit être l'expression de tout le système vital qui dépend d'une seule condition écologique, valable pour tous. Toute constitution politique doit émaner d'elle. Tous les animaux et toutes les plantes, les symbioses vitales et les paysages ont leurs droits à eux.

3. Das Gesetz sei ein Ausfluss der gesamten Lebensordnung, die von einer einzigen ökologischen Bedingtheit abhängt, die für alle gilt. Jede politische Verfassung soll auf ihr gründen. Alle Tieren und Pflanzen, die Lebensgemeinschaften und Landschaften, haben ihre eigenen Rechte.

4 . Les deux bases du bien public sont la sûreté et les Lumières. Les Lumières sont préférables à l'opulence.

4. Die zwei Grundlagen des öffentlichen Wohls sind Sicherheit und Aufklärung. Aufklärung ist besser als Reichtum und Pracht.

4. Les deux bases du bien public sont la sûreté et les Lumières. Les nouvelles Lumières délaissent la rationalité pure et l'utilitarisme. A la raison, elles allient les connaissances approfondies dûes aux expériences nouvelles et riches avec la nature, dans lesquelles la sensibilité a sa place. La logique du progrès linéaire cède à la vision cyclique de la vie, conformément à l'univers qui n'est pas rectiligne. L'analyse fonctionelle est subordonnée à la pensée intégrée. Les nouvelles Lumières respectent l'équilibre biologique. Le style de vie durable est préférable à l'opulence.


4. Die zwei Grundlagen der öffentlichen Wohlfahrt sind die Sicherheit und die Aufklärung. Die neue Aufklärung verlässt die reine Rationalität und das Nützlichkeitsdenken. Sie verbindet die Vernunft mit vertieften Erkenntnissen durch neue, mannigfaltige Erfahrungen mit der Natur, die auch dem Gefühl Raum verleihen. Die Regel des linearen Fortschritts ersetzt sie durch ein zyklisches Prinzip des Lebens, in Entsprechung zum Universum, das nicht geradlinig ist. Die funktionelle Analyse unterstellt sie dem vernetzten Denken. Sie zieht den nachhaltigen Lebensstil der dem Reichtum und der Verschleuderung vor.

5. La liberté naturelle de l'homme est inaliénable; elle n'est restreinte que par la liberté d'autrui et des vues légalement constatées d'un avantage général nécessaire. La loi réprime tous les genres de licence; elle encourage à faire le bien.

5. Die natürliche Freiheit des Menschen ist unveräusserlich. Sie hat keine andern Grenzen als die Freiheit jedes anderen und die gesetzesmässig erwiesenen Absichten eines allgemeinen notwendigen Vorteils. Das Gesetz verbietet alle Arten von Sonderrechten; es ermutigt zum Tun des Richtigen.

5. La liberté naturelle de l'homme est inaliénable. Elle n'est, en revanche, pas sans limites. L'avantage général de l'intégrité écologique prime sur la liberté absolue. La loi doit réprimer tout égoisme nocif à autrui et exploiteur de la nature. L'intérêt général nécessaire consiste en un bilan écologique de l'individu compatible avec les ressources du monde. Nul n'a licence de transgresser ce bilan. La loi doit encourager le style de vie durable; c'est la nouvelle façon de faire le bien.

5. Die naturgegebene Freiheit jedes Menschen ist unveräusserlich. Sie ist abernicht schrankenlos. Der gemeinsame Vorteil einer unversehrten ökologischen Ganzheit geht der absoluten Freiheit vor. Das Gesetz verhindere jeden missbräuchlichen Eigenvorteil, der den andern und die Natur ausbeutet. Der Allgemeinnutzen besteht in einer Ökobilanz jedes Einzelnen, die mit den Ressourcen der Welt übereinstimmt. Niemand hat die Lizenz, diese zu überziehen. Das Gesetz fördere die nachhaltige Lebensweise; sie ist die neue Art, das Gute zu tun.

6. La liberté de conscience est illimitée; la manifestation des opinions religieuses est subordonnée aux sentiments de la concorde et de la paix.

6. Die Freiheit des Gewissens ist uneingeschränkt; jedoch muss die öffentliche Kundgebung von religiösen Meinungen den Gesinnungen der Eintracht und des Friedens untergeordnet sein.

6. La liberté de conscience est illimitée. Toutefois, la manifestation religieuse doit refaire la concorde et la paix avec la nature. Une responsabilité écologique nouvelle incombe à toutes les religions du monde. Celles-ci sont appelées à conformer leurs doctrines aux réalités de la nature, en particulier dans le domaine de la sexualité. Aucune religion n'a le droit de superposer un quelconque principe métaphysique à la nature qui lui fait violence. La souveraineté de la femme doit être intégrale.

6. Die Freiheit des Gewissens ist uneingeschränkt. Jedoch ist das religiöse Wesen gehalten, die Einigkeit und den Frieden mit der Natur wiederherzustellen. Eine neue ökologische Verantwortung obliegt allen Weltreligionen. Diese haben ihre Lehren mit den ökologischen Realitäten, mit den Wertordnungen der Natur zu harmonisieren, vor allem in der Sexualität. Keine Religion ist berechtigt, der Natur ein metaphysisches Prinzip überzuordnen, das ihr Gewalt antut. Die Souveränität der Frau muss umfassend sein.

7. La liberté de la presse dérive du droit d'acquérir de l'instruction.

7. Die Freiheit der Presse geht aus dem Recht auf Information und Bildung hervor.

7. La grande liberté des média d'aujourd'hui doit se justifier, en premier lieu, par l'instruction sur les conditions de notre survie écologique et sur la façon d'agir.


7. Die grosse Freiheit der heutigen Medien soll sich neu rechtfertigen durch eine vorrangige Aufklärung aller Menschen über die Bedingungen für unser ökologisches Überleben und über die Weise des Handelns.

8. Il n'y a aucune hérédité de pouvoir, de rang et d'honneur. L'usage de tout titre ou institution quelconque qui en réveillerait l'idée sera interdit par des lois pénales. Les distinctions héréditaires engendrent l'orgueil et l'oppression, conduisent à l'impéritie et à la paresse, et pervertissent l'opinion sur les choses, les événements et les hommes.

8. Es gibt kein Erbrecht auf Macht, Rang und Ehrenstellung. Jeder diese Idee aufweisende Gebrauch eines Vorrechts oder einer Sonderstellung muss durch das Strafgesetz verboten werden. Die überkommenen Ehrentitel erzeugen stolz und Unterdrückung, führen in die Unwissenheit und Faulheit und pervertieren die Meinungsbildung über die Ereignisse und die Menschen.

8. Il n'y a aucun droit héréditaire ou coutumier permettant aux nations riches de consommer sur le dos des nations pauvres et des générations futures. L'arrogance orgueilleuse face aux nations et cultures modestes qui consomment moins de ressources engendre l'oppression, la terreur et la guerre. L'honneur du nouveau citoyen du monde consiste en un style de vie qui réunit la beauté, la simplicité et l'autarcie. Les besoins élémentaires seront assurés par une économie suivant le principe de la proximité géographique, de l'auto-approvisionnement, d'un juste commerce et d'une division du travail modérée. Le nouveau cosmopolitisme se distingue par le respect mutuel des cultures.

8. Es gibt für die reichen Nationen kein ererbtes oder ersessenes Recht auf einen Konsum auf Kosten ärmerer Völker und späterer Generationen. Die stolze Arroganz gegenüber den bescheideneren Ländern und Kulturen, die weniger Ressourcen verbrauchen, führt zu Unterdrückung, Terror und Krieg. Die Ehre des neuen Weltbürgers besteht in einem Lebensstil, in welchem sich Schönheit, Einfachheit und Autarkie verbinden. Die elementaren Lebensbedürfnisse sollen durch eine Wirtschaft gedeckt werden, die sich nach den Prinzipien der geographischen Nähe, der Selbstversorgung, des gerechten Handels und einer massvollen Arbeitsteilung richtet. Das neue Weltbürgertum besteht in der gegenseitigen Achtung aller Kulturen.

9. Les propriétés particulières ne peuvent être exigées par l'Etat que sauf une juste indemnité et dans des cas d'un usage public, hautement nécessaire.

9. Privates Eigentum kann vom Staat nicht beansprucht werden ausser mit einem gerechten Ausgleich und im Fall eines sehr notwendigen öffentlichen Nutzens.

9. La propriété particulière sera réévaluée d'après son utilité écologique publique. Elle sera privilégiée sous réserve d'une contribution au maintien d'espaces naturels riches et des espèces rares.

9. Das Privateigentum ist neu zu bewerten gemäss dem ökologischen Gemeinnutzen. Es soll mit Vorteilen bedacht werden, wenn es den Erhalt naturreicher Lebensräume und seltener Arten fördert.

10. Tout individu qui, par une suite de la présente constitution, perdrait le revenu d'une place ou bénéfice recevra par droit de compensation une indemnisation équitable. Sont néanmoins exclus ceux qui s'opposeraient à l'adoption d'une sage égalité politique entre les citoyens. Des mesures plus sévères sont à prendre contre ceux qui y résistent avec perfidie ou mechanceté.

10. Jedes Individuum, das durch die vorliegende Verfassung Einkommen aus einer Stellung oder einem Benefiz verlöre, wird eine gleichwertige Entschädigung erhalten. Davon ausgeschlossen ist, wer sich einer vernünftigen politischen Gleichheit unter den Bürgern widersetzt. Strengere Massnahmen sind gegen jene zu ergreifen, die hinterhältig und mit Bosheit Widerstand leisten.

10. Industries et métiers seront tous amenés à une reconversion écologique. Toutes les pratiques économiques et toutes les technologies favorables à une production durable dans un cadre géographique évident seront privilégiés. En particulier, l'industrie de l'armement qui vit de la méchanceté sera pourvue de nouveaux devoirs, c'est à dire d' empêcher au plan global le gaspillage, la détériorisation des sols, les pénuries et la guerre.

10. Alle Berufe und Industrien sollen einer ökologischen Konversion zugeführt werden. Wirtschaftsweisen und Technologien, die natürliches und nachhaltiges Produzieren in vernünftigem geographischem Rahmen fördern, sind zu privilegieren. Insbesondere der Rüstungsindustrie, welche von der Bosheit lebt, sind neue Aufgaben aufzuerlegen, die weltweit dem Verschleiss, der Bodenzerstörung, den Knappheiten und dem Krieg vorbeugen.

11. Toute contribution est établie pour l'utilité générale. Elle doit être répartie entre les contribuables, en raison de leur facultés, revenus et jouissances.

11. Alle Steuern sind zum allgemeinen Nutzen ausgeschrieben. Sie sind unter den Steuerbaren gemäss ihrem Vermögen, ihren Einkünften und Nutzniessungen zu verteilen.

11. Un système fiscal écologique garantira à toutes les activités durables leur utilité générale. Ses critères sont la consommation modeste, l'utilité sociale et la compatibilité durable avec la nature de toutes les activités et de toute exploitation des biens.

11. Ein ökologisches Steuersystem garantiert allen nachhaltigen Tätigkeiten fiskalischen und wirtschaftlichen Vorteil. Seine Kriterien sind Bescheidenheit des Verbrauchs, sozialer Nutzen und langfristige Naturverträglichkeit aller Tätigkeiten und jeder Vermögensnutzung.

12. Les émoluments des fonctionnaires publics seront en raison de leur travail et de leur talents, ainsi que du danger des mains vénales ou du patrimoine exclusif des riches.

12. Die Besoldung der öffentlichen Beamten erfolgt gemäss ihrer Arbeit und den erforderlichen Fähigkeiten, sowie unter Beachtung der Gefahr käuflicher Hände und exklusiver Güterbeschlagnahme durch die Reichen.

12. Les services publics et les prestations des institutions de l'état doivent être soumis au contrôle démocratique, ils ne doivent pas être rendus à de mains vénales, ni privatisés. Les talents de tous seront mis au jour et appliqués dans des ateliers du futur.

12. Die öffentlichen Dienste und Gemeinschaftswerke sollen der demokratischen Kontrolle unterstehen, nicht käuflich gemacht und nicht privatisiert werden. Die Talente aller sollen in Zukunftswerkstätten gehoben und genutzt werden.

13. Aucun immeuble ne peut être déclaré inaliénable, soit pour un corps, soit pour une société, soit pour une famille. Le droit exclusif de propriétés territoriales conduit à l'esclavage. La terre ne peut être grevée d'aucune charge, redevance ou servitude irrachetable.

13. Kein liegendes Gut kann als unveräusserlich erklärt werden, weder für eine Korporation noch für eine Gesellschaft oder Familie. Das ausschliessliche Recht auf Landbesitz führt zur Sklaverei. Der Grund und Boden darf mit keiner Last, Zinsschuld oder unablösbaren Dienstbarkeit beschwert werden.

13. La propriété privée, avant tout foncière, ne confère plus de mainmise absolue. De grosses fortunes territoriales et des monopoles économiques peuvent conduire à l'esclavage et à l'exploitation de la nature. Surtout la possession de forêts et de sol agraire doit être vouée au maintien des sources de toute vie. La terre ne doit pas être grevée de servitudes par une contamination irréversible.

13. Das Privateigentum, insbesondere der Bodenbesitz, verleiht nicht mehr absolute Verfügungsgewalt. Grosser Besitz und Wirtschaftsmonopole können zu Versklavung der Menschen und zum Raubbau an der Natur führen. Insbesondere Besitz von Wald und Agrarland sollen der Erhaltung unserer Lebensquellen anheimgestellt sein. Die Erde darf nicht mit dem Servitut einer irreversiblen Schadstoffeinbringung belastet werden.

14. Le citoyen se doit à la patrie, à sa famille et aux malheureux. Il cultive l'amitié, sans lui sacrifier ses devoirs. Il ne veut que l'ennoblissement moral de l'espèce humaine; il invite sans cesse aux doux sentiments de la fraternité.

14. Der Bürger schuldet Hingabe an das Vaterland, an seine Familie und an die Unglücklichen. Er pflegt die Freundschaft, ohne ihr seine Obliegenheiten zu opfern. Er erstrebt einzig, dass das menschliche Geschlecht moralisch edler werde; er ermuntert unermüdlich die sanften Gefühle der Brüderlichkeit.

14. La patrie de tout être humain, de tout animal et de toute plante est circonscrite par un milieu, un environnement favorable. C'est le sens de l'écologie et d'une nouvelle patrie. Le lieu amène est effigie de l'amitié. Il inspire l'amour entre les humains, les animaux et les plantes. Cet amour facilite aussi la jouissance érotique. Un nouveau sens de la noblesse renoncera à porter atteinte à la richesse et l'indemnité du patrimoine naturel des générations futures. L'affection entre les consoeurs et la fraternité inspireront aux humains l'amour de soi-même, de l'autre et de toute vie sur notre planète Terre.

14. Die Heimat jedes Menschenwesens, jedes Tieres und aller Pflanzen ist eine wohltuende Umwelt, ein günstiger Lebensraum. Das ist der Sinn von Ökologie und ein neues Verständnis von Heimat. Der liebliche Ort ist das Abbild der Freundschaft. Er stiftet den Geist der Liebe zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Diese Liebe ermöglicht auch die erotische Erfüllung. Eine neues Verständnis von Nobilität wird darauf verzichten, den Reichtum und die Unversehrtheit der Naturgrundlagen der zuküftigen Generationen zu schmälern. Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit inspirieren die Liebe der Menschen zu sich selbst, zum andern und zu allem Leben auf unserem Planeten Erde.



II. Teil. Die ökologische Verfasstheit
(La condition écologique)



I. Einleitung: Was ist Ökologie?


Ökologie ist gemäss dem griechischen Wort die Lehre von der Behausung der Lebewesen. Sie ist heute eine neue Einsicht in eine allgemeine Vernetzung des Lebens, von der wir nicht alles wissen. Sie frägt: wie leben Pflanzen, Tiere, Menschen in ihrem Milieu, wie ist ihr Lebensbereich ausgestattet, welche wechselseitigen Beeinflussungen von Lebendem und Lebensbereich finden statt? Was ist ihr "Biotop", ihr Lebensort, und wie soll er beschaffen sein? Die Ökologie als Wissenschaft gibt es seit dem letzten Jahrhundert; sie ist empirisch. In der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts ist die ökologische Bewegung entstanden; diese ist normativ und ethisch motiviert. Sie hat die akute Bedrohung der Lebensräume, die die Industriewelt gebracht hat, erkannt und setzt sich für deren Behebung ein. Sie arbeitet heute weltweit in ungezählten Zweigen, von der Forschung bis zum politischen Kampf.

Heute ist Ökologie überall eines der öffentlichen Themen. Wichtig ist aber, dass sie auch dort gegenwärtig ist, wo sie nicht auf gängige Weise angesprochen und zum Thema gemacht wird. In diesem tiefern Sinn begleitet sie unser tägliches Leben, ist immer wirksam und immer präsent. Ihre Gesetze prägen auch den Menschen, der sich nicht direkt um sie kümmert. Jeder einzelne Mensch lebt in einer ökologischen Bedingtheit, so wie jeder Bürger eines Landes einen politischen Status hat, ob er ihn wahrnehme oder nicht. Die politische Verfassung des Landes gilt auch für ihn. In gleicher Weise gibt es für ihn auch eine ökologische Verfassung. Die Ökologie konstituiert jeden Menschen und jedes Lebewesen, das heisst, sie verleiht ihm eine ökologische Konstitution. Wie unendlich vielfältig und fein diese ins Ganze des Lebens verwoben ist, zeigt die neue Lehre der Vernetzung. Die ökologische Verfassung, gemäss dem vorausgehenden Text, soll auch als eine ökologische Verfasstheit verstanden werden. In Analogie vorausgehenden Verfassungstext wird hier in 14 Punkten versucht, die ökologische Verfasstheit des Menschen darzustellen.

Was bedeutet also die ökologische Verfasstheit des Menschen? Was bedeutet das für den Einzelnen, Ökologie? Wir haben dazu unser Gegenüber und uns selbst zu fragen: Wie bist du? Wie findest du dich vor? Was prägt und umgibt dich? Diese Fragen berühren die Grundfragen des Lebens. Wenn wir uns auf der Welt, versehen mit dem Selbstbewusstsein, vorfinden, stellen sie sich. Neben ihnen steht die Frage des Warum. Sie führt in die Philosophie, stellt die Seinsfrage. Die Ur-Frage — warum ist, was ist? — ist geschichtlich schon früh mit der Gottesfrage verbunden worden. Die ökologische Fragestellung begnügt sich — mindestens hier — mit der Frage des Wie-Seins. Wie lebt, was ist? Wie lebst du? Wie fühlst du? Wie fühlen wir aufeinander hin? Mindestens ein Teil dieser Frage ist mit der Erfassung der ökologischen, der sozialen, und letztlich seelischen Bedingtheit beantwortet. Die Brücke zu dem, was man nach Tradition das "Seelische" nennt, steht über den ökologischen Weg weit offen — was immer das Seelische dann sei. Nach ökologischer Erfahrung wird sich auch keine Grenze ziehen lassen.



II. Die Hauptkategorien der Ökologie

1. Die Vernetztheit und die Relativierung des menschlichen Individualismus.


In der nördlichen Hemisphäre der Welt finden wir eine Kultur monotheistischer Religionen vor. Sie kennt einen personengeprägten Gottesbegriff, welcher zum Entstehen des westlichen, kopfbezogenen Individualismus wesentlich beigetragen hat. Das Erleben des Ichs ist stark im Eigenen, im eigenen Körper, im Bewusstsein und in der Ratio begrenzt. Das Ego des Einzelnen ist im Gesamten des Lebensumfeldes ins Zentrum getreten. Es hat sich von dem ihn tragenden Umfeld, den Mineralien, Pflanzen, Tieren, oft sogar von den Mitmenschen, gelöst. Menschen anderer Kulturen sind oder waren fähig, offen zu sein für alle sie umgebenden Elemente. Wir haben die Gabe verloren, mit der Natur zu kommunizieren, mit einem Lebewesen ausser dem Menschen zu reden.

Der westliche, rationale Mensch fand sich, entfernt vom Naturganzen, letztlich im Gefängnis des Ego wieder. Diese Bindungslosigkeit mit dem ihn umgebenden Kosmos der Natur hat ihn oft in religiöse Nöte gestürzt und gehört heute zu den Gründen verbreiteter Vereinsamung und Depression. Den Tieren und Pflanzen ist eigen, dass sie den über das Einzelwesen hinausgehenden Energiefluss wahrnehmen. Eine Katze etwa kann spüren, dass der ihr nahe Mensch unwohl ist; sie legt sich der oder dem Ruhenden auf die Herzgegend. Sie nimmt das weitere energetische Feld des ihr nahen Lebewesens auf und reagiert; es entsteht eine Wirkbeziehung. Die Energieflüsse, der Naturzusammenhang von Mensch, Tier, Pflanzen und Materie durchdringen sich gegenseitig. Ein extremer Individualismus, ja Egoismus, weist zu diesem Ganzen gegenüber einen schwachen oder oder gar keinen Bezug auf. Daher geht, wie es sich erwiesen hat, sein Tun und Wirtschaften mit der Natur oft nur noch ausbeuterisch um.

Öffnung und Ausweitung des abgekapselten Ichs erweitert das Selbstverständnis und führt uns aus dem rationalen und instrumentellen Naturbezug hinaus in ein sich wechselseitig bedingendes Beziehungsnetz allen Lebens und aller Elemente, ja der Gestirne. Hier liegt ein gewiss tiefer, aber wichtiger Zugang zur Wissenschaft der Ökologie. Sie erweitert die Gesetze der klassischen Wissenschaft; jedem Menschen ist die Anlage eigen, diese Verbundenheit und dieses Wissen selbständig wiederzugewinnen.

Nachdem das Weltganze ein vernetztes System ist, ist die Ökologie im Grunde die Wissenschaft dieser Vernetzung. In diesem Zugang zur Welt nehmen wir nicht ein einzelnes Objekt zum Studium oder zur Behändigung isoliert vor, sondern versuchen, es in seinem vielfachen Lebensbezug zu begreifen.



2. Die fünf Sinne

Wie sind wir? Wie fühlst du dich? In welchem Lebensumfeld sind wir? Diese grundlegenden Fragen führen uns an die Weisen unserer Wahrnehmung heran, welche auch unsere seelisch-spirituelle Verfasstheit prägt. Die Wahrnehmung geschieht über die fünf Sinne des Menschen. Die Sinnlichkeit ist ein Grundwert der Ökologie. Sie bestimmt unser Körpern mit seiner Wahrnehmung über die fünf Sinne. Das Feld dieser Wahrnehmung ist die Umgebung unseres Körpers, seine Umwelt, unser Lebensfeld. Die fünf Sinne selbst sowie die sie am stärksten prägenden Elemente des Lebensfeldes können wir, zusammen mit der Vernetztheit, als Hauptkategorien oder Hauptelemente der Ökologie bezeichnen .

Nach alter Lehre, die wir nicht weiter hinterfragen, sind die fünf Sinne der Tastsinn, das Gehör, der Geschmack, der Geruch, das Gesicht. Sie sind eine unendlich reiche Welt und wären eines eigenen Buches wert. Die Ökologiebewegung hat sie in den letzten Jahrzehnten recht eigentlich entdeckt. Ein Dasein, das alle Sinne vollumfänglich lebt, die "Umwelt" geniesst, sich über die Sinne sich mit dem Ganzen vernetzt, ist dem Wesen der Ökologie nahe. Hier sind nur skizzenhafte Andeutungen möglich.

Mit den fünf Sinnen hängen die ersten Erfahrungen des Menschen zusammen. Sie beginnen in der Gebärmutter. Diese ist ein in jeder Hinsicht einmaliger Ort, ein Locus amoenus, den wir oben im 14. Artikel der Constitution als einen ökologischen neu entdeckt haben. Dort wachsen alle Sinneswahrnehmungen heran. Der unvergessliche Arzt Leboyer, der Wiederhersteller der sanften (das ist: der natürlichen) Geburt, hat mit Empathie und Liebe die Ökologie des Uterus entdeckt, und auch ein entsprechendes Verständnis des Geburtsvorgangs vermittelt.

Der Tastsinn erfährt als erstes das Fruchtwasser und die weiche Wand des mütterlichen Gewebes. Er dürfte auch tastende Hände am Bauch spüren. Das Gehör vernimmt das Rauschen des mütterlichen Blutes wie ein Meer, den Herzschlag als ersten Grundrhythmus. Zu ihnen treten die Stimme der Mutter und von aussen die des Vaters. Der Geschmackssinn erlebt als erstes das Fruchtwasser, von dem der Fötus gelegentlich trinkt. Der Geruch geht im Fruchtwasser, ohne die Luft, noch mit dem Geschmack in eins. Das Gesicht eröffnet sich dem noch geschlossenen Auge, in welches als erstes der rote Schimmer des mütterlichen Blutes dringt. Bei der Geburt ist das Erlebnis des neuen Lichtes das prägende. Zu ihm fügen sich die Luft, im Freien der Wind und die warme Haut der Mutter; die Hände, denen die Geste des Tastens bestimmt ist, erfahren Körper und Brust. Als Geruch erfuhr der Mensch während der ersten Millionen Jahre, da die Frau im Freien gebar, die Düfte der jeweiligen Umgebung und der Jahreszeit: die Luft, die Düfte des Blutes, des Grases, der Blüten, der Erde, der Höhle, des nahen Gewässers, des Regens, eines Felles, der anwesenden Frauen und ihrer Pflanzen, des Vaters, des Feuers. In der Ur- und Frühgeschichte prägte der Geruch der Tiere, mit denen zusammengelebt wurde, die ersten Räume einer Geburt. In der anschliessenden Kulturgeschichte der Hausgeburt sind es die Düfte der Pflanzenmatten, Stein- und Holzböden, der Wohnstube, der Textilien, der Warmwasserbottiche, der Öle oder Essenzen. Seit rund hundert Jahren sind es zunehmend die Gerüche der Klinik. Dieser treten seit einigen Jahrzehnten wieder sanftere Umgebungen an die Seite. Für die im Menschenleben folgenden Sinneswahrnehmungen kann hier nur auf drei Dinge verwiesen werden: auf die eigenen Erfahrungen jeder und jedes Lesenden, auf Millionen Jahre archetypischer Erinnerungen und auf rund viertausend Jahre Weltliteratur.

Für den Körper des Menschen gelten gleicherweise die eben erfolgten Verweise. Körperlichkeit ist die Urerfahrung von Leben. Herzschlag, Atmen, Bewegen sind unsere Grundrhythmen im Alltag. Musik und Tanz sind es beim Fest. Unser Körper, sein Bau, seine Regungen, seine Schönheit und sein Eros sind ein vollumfängliches Lehrbuch der Ökologie. Die Körperferne und Egozentrik der westeuropäischen Spiritualität, der technisierten Überzivilisation, die Empfindungskälte, die Körper-, Kinder-, Tier- und Pflanzenfeindlichkeit vieler heutiger Lebensumfelder und Lebensweisen, das Drama verfallender Körperlichkeit und eigentlicher zerstörter Umwelten, bilden heute das Hauptarbeitsgebiet der Wiederentdeckung der Ökologie.

3. Das Licht und seine Rhythmen

Das Licht gehört mit dem Gesicht zu jenen elementaren Kategorien der Ökologie, die als solche kaum mehr bewusst sind. Das Licht rhythmisiert unseren Tag und beeinflusst unseren Körper und unsere Stimmungen. Je nach Jahres- und Tageszeit öffnet es einen weiten Fächer der Farben. Das Erlebnis des Lichtes und seiner Wandlungen gehört zum Faszinierendsten, das es gibt. Die Realität zwingt uns, seinen Zauber von den Mängeln her zu schildern, welche heute im Umgang mit dem Licht geschehen.

Das Licht mit seinen Schattierungen und Stimmungen hat im durchschnittlichen Alltag des Städters seine Bedeutung fast vollständig verloren. Die Abend- und die Morgendämmerung werden in der Regel nicht mehr wahrgenommen. Die Städte sind ausgeleuchtet. Die schwarze Nacht existiert dort nicht mehr. Über alles quillt ein "Lichtsmog" — dieses Wort ist jüngst geprägt worden. Millionen von Menschen arbeiten nur noch im Kunstlicht, unter Tag sozusagen. Das Werden des Morgens, das Vergehen des Abends werden nicht mehr wahrgenommen. An einem Oktobermorgen um halb Acht arbeiten Tausende von Frauen und Männern in einem Gebäude mit Glasfassade im unbarmherzigen Neonlicht und beachten das Aussenlicht nicht. Das Tageslicht, wie es wirklich ist, sogar in der Stadt, erleben etwa noch Marginale, die Clochards und Sans-Abris, die draussen leben. Die wirkliche Dunkelheit, die samtene, sternenglänzende Nacht muss in entlegenen Gebieten gesucht werden. Am Sternenhimmel konkurrenzieren Satelliten und blinkende Flugzeuge die Sternbilder. Das Licht in seinem tausendfältigen Spiel gehört zu den Wundern der Natur und zu den Haupterfahrungen in der Ökologie.

4. Die vier Himmelsrichtungen

Dieses elementare Thema sei mit einigen Fragen an die Leserin und den Leser angegangen. Am Ort deiner jetzigen Lektüre — besonders, wenn du nicht zuhause bist: wo ist Osten? In welcher Richtung liegen der nächste Fluss, der See, der nächste Berg, das Haus der Freunde? Aus welcher Richtung weht der Wind? Die Sonne scheint; du stehst draussen, seit längerem ohne Uhr: was ist die Uhrzeit? In welche Himmelsrichtung geht der Blick von deinem Arbeitsplatz? Hat der Architekt, der die Häuser deines Arbeitens und Wohnens gezeichnet hat, die Himmelsrichtungen einbezogen? Oder hat er sich auf die Strasse bezogen und mit der Einfahrt der Garage die Planung begonnen? Hat die grosse Fassade gegen Westen, woher das Licht in der Zeit kommt, da Auswärtsarbeitende die längste Zeit zuhause verbringen, die entsprechenden Fensteröffnungen? Wenn du durch ein Quartier spazierst, zeugt die Gestaltung der Häuser vom Offensein für die Himmelsrichtungen? Wenn du eines Frühlingsabends vor der Dämmerung durch die Häuser gehst, haben die Leute die Rolläden offen oder geschlossen? Findet in der Dämmerung der Blick gegen Westen statt? Suchen die Leute Osten mit seinem Schimmer von Morgenröte?

Die klare Vier-Achse der Himmelsrichtungen, die Unbeirrbarkeit des Kompasses sind eine interessante Art von Linearität, denn sie sind uns ein Symbol der Orientierung. Wir beugen uns vor der Gedächtnis- und Erkennensleistung der alten Seeleute angesichts der Sternkonstellationen; diese waren in der Dunkelheit nicht aus einer Schrift ablesbar. Auch der Baumstamm zeigt Nordwesten an; im südlichen Rhonetal weisen, des häufigen Mistrals wegen, viele Baumkronen den Weg nach Süden, zum Meer.

5. Die vier Jahreszeiten

In unseren Breitengraden in der Vierzahl, gehören die Jahreszeiten zu den Grundrhythmen des Lebens und stellen eine wichtige schicht in der Archäologie unserer Zivilisation dar. In der Frühzeit wurde mit ihnen gelebt. Alle nur denkbare Lebensfülle und alle immer möglichen Vorteile wurden aus ihnen geschöpft. Der Winter verlieh Ruhe, Schlaf, Zeiten der Musse. Seine Kälte und sein Dunkel konservierte die Früchte, tilgte Keime, glich die "Schädlings"populationen aus, regulierte das biologische Gleichgewicht, das Geschenk des Schnees regenerierte die Fruchtbarkeit der Erde. Sein Eis legte man in Verliesse in der Erde und kühlte damit einen Sommer lang Speisen und Getränke. Der Frühling spendete Licht, Aufbruch und Lebensfreude, erlaubte erst wieder das Reisen. Der Sommer gab die Sonnenkraft, die Lebensfülle, die ersten Ernten, verlieh dem Körper das Nacktsein und das Bad in allen Gewässern. Der Herbst liess auf die Reife warten, berief alle in die Ernte, entfaltete seinen Reichtum an Lichtspiel, Färbungen, Früchten, führte in das allmähliche Schliessen des Kreises.

Weshalb dieses Imperfekt? Noch ist alles vorhanden. Aber der heutige Umgang mit den Jahreszeiten nötigt zum Nachdenken und zur ökologischen Kritik. Das eindrückliche Massiv, das üppige Landschaftsbild der Jahreszeiten wird planiert und banalisiert. Unser Lebensstil ist in einer Weise standardisiert, die darauf hinausläuft, die Jahreszeiten zu neutralisieren, ja zu ignorieren. Tonnagen von Tiefkühlwaren unterlaufen den Nahrungsrhythmus der Jahreszeiten, überlassen wertvolle natürliche Konservierungsweisen dem Verfall. Klimatisierung bricht die Sommerhitze. Bei einer ersten Kühle im August springen die Heizungsthermostaten an. Das Flugzeug führt Früchte und Blumen aus fernsten Ländern heran, zur Weihnachtszeit überrote Erdbeeren ohne Geschmack. Im Winter fliegen auch Menschen für kurze Zeit in das ganz andere Klima eines anderen Kontinentes (ohne dass es den dortigen Erdbewohnern möglich ist, dasselbe zu tun). Das Leben und Wahrnehmen des grossen Reichtums der Jahreszeiten gehört zu den Hauptwerten der ökologischen Lebensweise; für den Ausweg aus einer nivellierten Einheitskultur bieten sie ein grosses Entdeckungsfeld.

6. Die Zyklen des Lebens

Der Zyklen eines Menschenlebens sind viele: Geburt — Wachstum — Reifung — Initiation in die Sexualität — Vereinung — Trennung — Fortpflanzung — höchste Entfaltung — Begegnung — Abschied — Entbehrungszeiten — Genusszeiten — Krankheit — Genesung — zweite Reifung — Verdichtung und Altern — Ausklingen — Sterben. Vielen dieser Zyklen drohen Akzeleration und Schwund. Hauptsächlich dem Kindsein, der Jugend und dem erfüllten Altern. Der grosse Wert eines reifen alten Menschen wird nicht immer gelebt und nicht mehr adäquat wahrgenommen; die Alten selbst üben sich in Überanpassung. Ihre angestammten Aufgaben, das Ausstrahlen der Ruhe, die Weitergabe von nicht geschriebenem Wissen, die Kultur der Sippe verlieren sich. Antibiotika, die Stoffe "gegen das Lebende", zerschlagen die Krankheit und die Abwehr des Körpers. Die Television verdrängt den menschlichen Austausch des Erlebens und der Gefühle, des Bedürfnisses nach Wärme und Ruhe.

Die christliche Linearität hat mit der Lehre der vollendeten Erlösung und der Auferstehung dem Lebenszyklus die zweite Hälfte des Abstiegs entzogen und ihm damit seine Kreisbewegung genommen. Die Zeit nach Ostern und Pfingsten bleibt immer dieselbe. Es gibt keine Abrundung des Herbstes. Nach dem letzten Sonntag nach Pfingsten, lange Monate nach Mai oder Juni, erfolgt Ende November ein Schnitt, ohne jeden Bezug zum Kommenden. Dann ist die Rede von Advent, mit einem neuen Seufzen nach Erlösung. In der säkularisierten Version wird die lineare Aufwärtsprojektion in Ewigkeit und Transzendenz durch die Idee des linearen Forschritts ersetzt. Mittlerweile haben die Krise der Moderne, ihre Infragestellung und die Erfahrungen der jüngsten Gegenwart die Fortschrittsidee bereits selbst entmythologisiert. Die Zyklik von Zeit, Raum, Tag, Jahreszeiten und Menschenleben entspricht der ökologischen Vision von Leben und Kosmos.

7. Die Sexualität

Die Sexualität ist hier als erstrangiges Thema der Ökologie zu sehen. Tabuisierung, Prüderie und Hygiene-Kult haben unsere Sexualorgane wörtlich und kulturell in die Finsternis verbannt. Dies gilt auch für die Bereiche der sozialen Konsens-Normen und der christlichen Mentalität. Auch im ökologischen Themenkanon ist die Sexualität kaum aufgenommen! Dass Eros und Sexualität zu den schönsten
Wundern und Kräften des Lebens und auch der menschlichen Kultur gehören, das kann hier gar nicht genügend ausgedrückt werden. Wir können uns nur auf unsere ureigenen Erlebnisse besinnen — und wir können darüber kommunizieren.

Der ökologischen Zugänge zur Sexualität sind viele. Im Sinn der Körper- und der Erdnähe soll sie hier in ihrer biologischen Umwelt angegangen werden. Die Sexualorgane haben ihre "Umwelt", die ihre klare, wenig wahrgenommene Bedeutung hat. Sie liegen auf der erdzugewandten Seite der Mittelachse des Körpers. Ihr Leben ist mit allen wichtigen Organen unseres Körpers auf besonders intensive Weise verbunden, besonders mit dem Herz und mithin mit allem, was die Emotion im Körper bewegt. Die zentrale Lebensfunktion der Sexualität ist allein dadurch schon evident. Zu ihr treten Zeugung und Geburt, auf welche hier zugunsten der Beschränkung nicht eingegangen sei.

Wir legen den Finger auf eine elementare Tatsache in der Wertung der Sexualität. Die Sexualorgane sind physiologisch mit den Ausscheidungsorganen verbunden. Dies ist ihre Umwelt. Die zivilisatorische Ursünde bestand im Sich-Verbergen beim Ausscheiden und mit der übertriebenen Verschmähung unserer Ausscheidungen, in deren schleunigem Fortschaffen — von der Ursünde am Wasser, die die Praxis der Kanalisation darstellt, ganz zu schweigen. Damit sind auch die Organe selbst einem teilweisen Bann unterworfen worden. In Wahrheit entspringt der Urin denselben Öffnungen unseres Körpers wie denjenigen, durch die unsere Liebessekrete nach aussen gelangen. Er entfaltet dort auch seine natürlichen Düfte. Dies in unmittelbarster Nähe des Anus, für den dasselbe gilt. Die Evolution hat sogar bis heute dieser interessanten Zone unseres Körpers die Behaarung belassen, was unter anderem die Geruchskonservierung fördert. In der gegenwärtigen Sprachrealität, die immer einen Wertungs- und Stimmungskonsens spiegelt, ist es nicht einmal möglich, diese elementaren Realitäten ohne Spiessrutenlauf, ohne Gelächter in den Ohren zu thematisieren. Im Grunde genommen ist es ein Rätsel, wie zwei wichtige, physiologisch nahe Körperfunktionen in der Wertung dermassen auseinanderdividiert werden: Verdrängung der Ausscheidung, Panik vor der Genitalität, abstrahierende Hoch- und Überstilisierung des Liebesaktes unter teilweiser Verschweigung seiner warmen, schönen körperlichen Realitäten. Mit der Verbannung unserer Endstoffe geriet so die Sexualität tendeziell selbst in die Zonen der Verabscheuung, ja des Ekels. Die Verächtlichkeit gegenüber der wichtigen Endphase des menschlichen Stoffwechsels hat kulturell — glücklicherweise nur zu einem Teil — auch auf die Haltung zur real vollzogenen Sexualität durchgeschlagen. Sie führte zu deren Perversion in die Obszönität. Diese stellt selbst die traurigste Perversion des Schönen dar. Die im gesellschaftlichen Diskurs latente und offene Verächtlichkeit gegenüber der Realität der vollzogenen Liebe gehört zu den grössten Kulturkatastrophen. Deren Tristesse ist in den "Graffiti" der öffentlichen Toiletten zur Sprache gebracht, obwohl dort gleichzeitig auch verdrängte Wahrheit geredet wird. Diese Abspaltungen hatten zur Folge, dass der kulturelle Lobpreis der Liebe zu einem Wettlauf in Körper- und Erdferne verkam. Im besonderen Freiraum, den sich ein Paar in seiner Intimität schaffen kann, ist es möglich, dass die ganze Körperlichkeit ohne Vorbehalte realisiert und gelebt wird. Jedoch ist dies nicht der Fall auf der Ebene der anthropologisch etablierten Normen unserer Zivilisation, besonders der westlichen von der Frühneuzeit bis zur Gegenwart.

Der Schluss aus diesen fragmentarischen Andeutungen in einem begrenzten Problembereich der Sexualität geht dahin, dass die Sexualität nur ein besonders starkes Lehrstück dafür ist, die Körperlichkeit allen Lebens und aller Kultur für voll zu nehmen und erstrangig zu werten. Von ihr ausgehend ist unsere Kultur aufzubauen und zu definieren.

8. Die vier Elemente

Nach alter westlicher Lehre sind das Erde, Wasser, Luft und Feuer; in anderen Kulturen treten weitere dazu. Die Tradition ihrer Vierzahl ist durch die moderne Naturwissenschaft und deren Elementenlehre längstens überholt, respektive differenziert worden. Stellen sie noch ökologische Kategorien dar? Das ist zu bejahen, aber die Ausweitungen, die uns die Naturwissenschaften über ihr Leben und ihre Zusammenhänge vermitteln, sind miteinzubeziehen. Wegen ihrer Elementennähe sind die Natur-, ja auch die Technikwissenschaften in der ökologischen Hierarchie der Wissenschaften eindeutig aufzuwerten gegenüber den sublimierenden und abstrahierenden "Geisteswissenschaften". Nicht umsonst sind die meisten in ökologischen Aufträgen beruflich Arbeitenden Naturwissenschaftlerinnen, auch wenn sie dabei Einseitigkeiten preisgeben, Neues lernen und enge rationalistische Schranken überschreiten müssen. Es ist nicht möglich, die vier Elemente hier enzyklopädisch anzugehen. Wir befragen sie hier auf ihren Stellenwert in unserem täglichen Leben.

Die Erde.

Haben wir Zugang zur Erde? Im Normalfall des Alltags besteht ihre "unbehandelte" Oberfläche, auf der wir leben, aus Felsen, Stein, Kies, Lehm und Humus mit seiner Grünbedeckung. Die Erde ist nach alter Lehre unsere Mutter. Die Erde nährt uns. Aus ihr stammt, ausser dem Wasser, alles, was wir zu uns nehmen. In ihr, auf ihr stehen die Pflanzen und Bäume. Dank der Schwerkraft trägt sie uns, wir können uns auf ihr lagern und betten. Sie hat Heilkraft. Ihr Lied zu singen, füllte allein ein Buch.

Wenn wir uns ökologisch konstituieren wollen, haben wir nach unserm Kontakt zur Erde zu fragen. Wieviel Erde umgibt uns (noch?). Sind wir uns bewusst, dass um unsere Häuser herum, auf den Strassen und Plätzen, viel zu viel Erde verschlossen, versiegelt ist? Jeder Mensch sollte in seinem Leben regelmässig die Erde berühren, mit ihren Pflanzen zu tun haben. Wie oft liegen wir auf der Erde? Wie oft spüren wir sie barfüssig?

Zu den grössten gegenwärtigen Gefahren überhaupt gehört die Belastung der Erde mit Schadstoffen, vor allem die irreversible. Sie geschieht über die Luft, die Regen- und Flusswässer und direktes Einbringen chemischer Stoffe. Im Grunde ist es der grösste Widerspruch, dass es der Erdbau, also die Landwirtschaft ist, der in den Industriestaaten zu den grössten Beschädigungen von Erde geführt und in Amerika bereits grosse Landflächen nicht mehr bebaubar gemacht hat. Jede Tiefpflügung, jedes grobe Aufbrechen der natürlichen Pflanzenbedeckung und Wurzelbesiedelung führt zur Störung der Erdflora und der Tektonik. Im Grunde sollte die heisse Sonne nie auf nackte, unbedeckte Erde brennen. Durch die Geissel der Erosion hat unser Planet riesige Flächen Erde verloren. Der grösste Lebenspartner der Erde ist der Wald, welcher im Amazonas sogar auf einer nur dünnen Humusschicht Jahrtausende leben kann. Mit seiner Eliminierung geht auch ein Teil der Erde verloren.

Das Wasser.

Im Wasser wächst der Mensch heran, das Fruchtwasser der Mutter ist sein erstes Lebenselement. Das Wasser ist unser Getränk. Es gibt nichts, das wir trinken, ohne das Wasser. Der Zelldruck des Wassers richtet die Pflanzen auf, macht unsern Körper trag- und funktionsfähig. Obwohl wir dieses Element der Elemente grosszügig verbrauchen, lieben wir es nicht sehr. Unser meistes Wasser, vor allem das unserer Flüsse, kommt dem Abwasser gleich. Dass unsere Körperausscheidungen mit dem Fluss des Wassers verbunden worden sind, ist eine der grössten Fehlentwicklungen jeder Zivilisation. Das Wasser kann mit unsern Endstoffen nichts anfangen, die Erde wohl.

Vom Wunder des Wassers zeugen die Sagen, in welchen aus dem weichen Wiegen der Wellen die betörende Liebesverführung der Wassergöttinnen wurde. Die Quellgeister führten uns spirituell an die Ursprünge des Lebens. Ein heute lebender Mensch erlebt nur noch selten das naturreine Wasser einer Quelle oder des früher sauberen Regens. Verlieren wir beim Betrachten der Grundmasstäbe menschlichen Lebens nie aus den Augen, dass klares Quellwasser und reines Regenwasser zu den unveräusserbaren Gütern gehören, auf die ein jeder Mensch auf der Erde ein Anrecht hat, gehöre er noch so zu den "ärmsten". Die Verzerrung der heutigen Verhältnisse ist zweifach. Die sogenannten Armen wären und sind den natürlichen Quellen des Wassers im Grunde näher; da diese aber schlimmerweise heute lokal und atmosphärisch verschmutzt sind, haben sie mangels technischer Korrektionen das schlechtere Wasser, während die ressourcenverschleissenden Zivilisationen das verschmutzte Wasser technologisch behandeln können. Durch unseren viel zu hohen Fleischkonsum hat es in ganz Europa viel zu viel Vieh; die Überdüngung belastet in den ländlichen Gebieten die Gewässer. In den Städten massieren sich Hormone und Antibiotika in den Abwässern und Flüssen noch mehr. So sehr sie weltweit eingerissen haben: akzeptieren wir diese Faktizitäten nie. Befinden wir uns auf einer hochgelegenen Alp, so soll uns das Privileg, dass wir ganz oben das Flusswasser trinken dürfen, stets an das alte Naturrecht erinnern. Fördern wir die heute hochstehenden Mittel, dank Wasseraufbereitung ein gut trinkbares Wasser bereitzustellen, aber geben wir noch mehr dem Wasser seine Ur-Integrität zurück, sodass uns die alte natürliche Aufbereitung des Wassers durch Sand und Erde wieder genügen kann. Schenken wir dem Abwasserwesen, den städtischen Wasserwerken die grösste Aufmerksamkeit und erstrangige Privilegierung, fördern und begünstigen wir alle jene Industrien, die dem Wasser die grösste Sorgfalt gewähren.

Das Feuer.

Das Feuer wärmt uns und erhellt das Dunkel. Es ist die einzige Alternative zum Licht der Sonne und der Gestirne. Das Feuer beherrscht zu haben, gilt als prähistorisches Urmerkmal des Homo sapiens gegenüber den Hominiden. Was den Umgang mit dem Feuer betrifft, hat sich die Moderne wiederum in einen ihrer gigantischen Widersprüche geführt. Noch nie ist soviel fossiler Stoff pro Haupt verbrannt worden wie heute, und noch nie sind Menschen dem offenen, urtümlichen Feuer so fremd geworden. Sein Schein, seine Farben, die verschiedenen Düfte seines Rauches sind einmalig, ebenso der Geschmack eines auf dem Dreifuss über dem Feuer gekochten Mahles. Der Rauch war die alte natürliche Desinfektion und der Konservator der Gebälke. Die Kunst des Feuermachens, der Zubereitung und der Auswahl der verschiedenen Hölzer ist nicht zu unterschätzen. Das heutige Tabakrauchen ist eine Sucht-Perversion alter Rituale im Umgang mit edlen Räuchern und mit der dazugehörigen Symbolik wie der des Friedensschlusses. In allerjüngster Zeit hat es die Krankheit der Gesellschaft soweit gebracht, dass im Süden immer mehr Wälder aus Achtlosigkeit oder Pervertiertheit angezündet worden sind. Unser Umgang mit den Energien soll dem Feuer seinen natürlichen Part belassen, sonst aber sich wieder direkt den Energien der Sonne der mit ihr zusammenwirkenden Elemente zuwenden.


Die Luft.

Im Alltag des Momentes, der Sekunden und Minuten, ist es ohne Zweifel die Luft, die uns am unbedingtesten nahesteht. Fehlt sie uns mehr als einige Momente, bricht unser Leben ein. Das Ein und Aus des Atmens ist der Ur-Rhythmus unseres Lebens, unser Ying und Yang. Sodann ist die Luft Trägerin der Düfte, die uns führen, leiten und bezaubern.

Gute oder böse Luft haben schon die Alten gekannt. Die erstere ist heute zum Privileg geworden. Lassen wir es niemals als Norm, als Normalität gelten, dass die normale Luft heute belastet und ihrer Düfte oft beraubt ist. Gewöhnen wir uns im Innern nie an die jetzige Faktizität, dass die Stadtluft so dick und schwer mit Abgasen belastet ist, dass wir nicht einmal mehr ein einzelnes Auto geruchlich wahrnehmen, sondern in einer tristen Geruchssuppe dahinleben. Vor allem die Düfte der verschiedenen Jahreszeiten sind aus dem Leben der Städte und der stadtähnlichen Agglomerationen quasi verschwunden, da sich die Duftquellen nicht mehr durchsetzen können. So geht es darum, unser übertriebenes Verbrennen fossiler Stoffe aufzugeben zugunsten der Luft, des Atmens und des Lebens.

9. Die Pflanze.

Der Paradiesgarten der Pflanzenwelt ist zu weit, als dass er hier überhaupt geistig beschritten werden kann. Hier muss viel bescheidener gefragt werden, was es mit den Pflanzen in unserem direkten Bezugsfeld auf sich habe.

Wieviel Chancen haben die Pflanzen noch um uns herum? Gibt es Erde? Wie ist das Befinden der Pflanzen? Kann uns
dieses etwas anzeigen? Gibt es Sträucher und Bäume, die bereits im Juli und im August unvermittelt einzelne gelbe Astpartien zeigen?

Von allen Planzen in unserer Zivilisation ist der Baum eine der zentralsten. Er ist Inbild der Pflanze und des Wachstums in die Höhe. In der Ökologie und besonders in der heutigen Welt ist er ein wichtiger Indikator für den Zustand der Umwelt und der Biosphäre. Wie wir wissen, lichtet sich heute seine Krone vielfach und nehmen seine Krankheiten zu. Er muss am stärksten die Belastungen der Elemente Luft, Erde, und Wasser aushalten, und indirekt macht ihm das Übermass fossiler Verbrennung das Leben schwer. So ist das Ökosystem des Waldes, sein Befinden, heute ein Abbild für den Zustand der Welt.

Der Obstbaum ist als freistehender Baum entthront. Niemand hat sich darüber gewundert, dass das Urphänomen Baum im Obstbereich kürzlich einen neuen Namen erhalten hat: "Hochstammbaum". Der hohe Stamm ist aber hunderte von Millionen Jahren alt. Der Baum hat sich seine Form gegeben und ist in der Würde seines Erscheinungsbildes einmalig wie eine Person. Künstliche Drahtkulturen formen nun den zum Baumkretin Gezwungenen flach und niedrig, und künstliche Nahrung lässt seine Früchte an Geschmack verlieren. Wir können jederzeit am Duft und Geschmack der Früchte die Vitalität und die Gesundheit des Baums und der übrigen Pflanzen erahnen. Gewöhnen wir uns niemals daran, halbreifes Obst, das unreif geerntet und über Riesendist